Field Notes #3: An der Wien

Es ist noch früh, trotzdem liegt die Hitze schwer über der Stadt. Der aufgeheizte Beton strahlt sie zurück und verlangsamt jede Bewegung. Ana, Mariela, Susanne und ich gehen am Wienfluss entlang. Durch somatische und multisensorische Wahrnehmungsübungen richten wir unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf den Ort, sondern auch auf unsere Körper, die mit ihm in Beziehung treten. Atmung, Temperatur, Geräusche, Gerüche und die Beschaffenheit des Untergrunds werden zu gleichwertigen Formen des Wissens.

Während wir lauschen und uns langsam durch den Raum bewegen, verändert sich die Wahrnehmung des kanalisierten Flusses. Hinter der technischen Infrastruktur treten Schichten einer älteren Landschaft hervor. Der Wienfluss erscheint nicht mehr als gezähmtes Gewässer, sondern als dynamisches System, dessen Geschichte von Hochwasser, Umlagerungen und saisonalen Veränderungen geprägt ist.

Mit Frottagen nehmen wir die Spuren des Bodens auf. Rillen im Beton, kleine Steine, Blätter und Risse übersetzen sich in feine grafische Strukturen. Mit geschlossenen Augen ertasten wir Oberflächen, lassen unsere Hände über raue Mauern, glatte Geländer und warmen Asphalt gleiten. Wir folgen dem Geruch des Wassers, suchen nach feuchten, erdigen Noten zwischen Hitze, Staub und Stadt. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich vom Sehen zum Spüren, Riechen und Hören – und mit ihr verändert sich auch der Ort selbst.

Dabei stellt sich die Frage: Wenn es Wahrnehmung gibt, wie verhält es sich dann mit Falschnehmung? Wie sehr formen Erwartungen und Erinnerungen das, was wir zu erkennen glauben? Vielleicht ist jede Wahrnehmung bereits eine Interpretation, ein Zusammenspiel aus Sinneseindruck, Erfahrung und Imagination. Die Übungen öffnen einen Raum, in dem Unsicherheit nicht als Mangel erscheint, sondern als Möglichkeit, den Ort immer wieder neu zu lesen.

Unweigerlich entstehen Parallelen zur Rambla de los Quiñoneros in Südspanien. Beide Orte tragen die Erinnerung an das Wasser in sich, auch wenn seine Präsenz unterschiedlich sichtbar wird. Die trockene Rambla und der regulierte Wienfluss erzählen auf ihre Weise von Bewegung, von extremen Wetterereignissen und vom Versuch des Menschen, fließende Landschaften zu kontrollieren. In beiden Fällen offenbaren sich die Spuren dieser Aushandlungen in Sedimenten, Vegetation, Ablagerungen und künstlichen Eingriffen.

Der Spaziergang wird zu einer Übung des genauen Hinsehens und zugleich des bewussten Zweifelns. Spuren entstehen nicht nur im Boden, sondern auch in der Wahrnehmung selbst. Sie überlagern sich, verschwinden, tauchen wieder auf und bilden ein Geflecht aus Erinnerungen, materiellen Einschreibungen und körperlichen Erfahrungen.

Weiter
Weiter

Field Notes #2: Rambla de los Quiñoneros