Mud Everywhere
Installation: Leinwand, Textil, Quitten- & Magnolienholz, Zwingen, Maße variabel, 2024/2025
Die Installation „Mud, Everywhere“ verarbeitet persönliche Erfahrungen mit Hochwasser und den Herausforderungen des Klimawandels. Schlamm ist die zentrale Metapher für die zerstörerische Kraft und jene Landschaften, die Überschwemmungen hinterlassen: eine Mischung aus Wasser und Erde, kultivierten Böden, chemischen Rückständen, Ölen, Tierkadavern, den Trümmern von Häusern und Bäumen. Autos, Kunststoffe, Elektronik, Textilien, Pflanzenreste, Stoffe, Spuren von synthetischen Verbindungen, Pharmazeutika, Pestiziden und Düngemitteln. Im Schlamm, der Zone zwischen dem trüben Wasser und der versickerten Landschaft, findet das Anthropozän ein emblematisches Bild. Die glitschige Mischung aus von Menschenhand geschaffenen und natürlichen Materialien spiegelt genau die biogeophysikalische und mentale Situation wider, in der wir uns befinden. Schlamm ist beides, Wasser und Erde, in einem Zwischenzustand. Als ein Medium, das Binaritäten auflöst, lädt uns Schlamm ein, Vergangenheit und Gegenwart, Persönliches und Politisches, Körper und Landschaft, Gefühl und Wissen miteinander zu verbinden. Schlamm ist der eigentliche Stoff der Welt. Schlamm, überall.
Ausstellung “Parallele Fiktionen der Natur”, Künstlerhaus Klagenfurt, 2025
Ausstellung “Glimpses of Something in Between”, Sternstudio Wien, 2025
Ausstellung “mäANDERN”, Stadtgalerie raumimpuls, Waidhofen/Ybbs, 2026
Mud, Everywhere
September 2024
Dauerton. Die Sirene ruft, eine Warnung, die nicht mehr aufhört, sich zu wiederholen.
Der Regen hat längst jede Form verloren. Er fällt nicht mehr – er ist einfach da. Ein Zustand. Die Luft selbst scheint zu Wasser geworden zu sein. Die nassen Blätter im Garten glänzen im künstlichen Licht der Straßenlaternen, zu hell, zu scharf, als gehörten sie nicht mehr hierher. Es wird dunkel, obwohl es noch nicht Nacht ist, und dann Nacht, ohne dass sich etwas ändert. Der Regen bleibt. Immer gleich. Immer mehr.
Fast Mitternacht, als ich es wirklich sehe: Das Wasser bleibt stehen. Es verschwindet nicht mehr im Boden, es sammelt sich, zögernd zuerst, dann entschlossener. Pfützen, die ineinanderlaufen, Grenzen verlieren, sich verbinden. Pflanzen verschwinden, eine nach der anderen, bis nur noch Spitzen übrig sind, kleine Signale aus einer Welt, die gerade aufgegeben wird. Ein geschlossener Spiegel entsteht, ruhig, fast friedlich. Zu ruhig.
Ich bleibe gelassen. Ich kenne diesen Ort. Zwei Bäche, die sich treffen, die Halbinsel, ein Spiel von Kommen und Gehen. Das Wasser war immer schon Teil davon. Ich gehe schlafen.
Doch der Schlaf ist brüchig.
Als ich aufwache, ist die Welt verschoben. Kein Übergang, kein Dazwischen. Das Wasser ist jetzt überall. Es ist aufgestiegen, lautlos, geduldig. Das Haus steht noch sicher auf seinem Sockel, als hätte es diese Möglichkeit immer schon einkalkuliert. Aber unten im Garten ist nichts mehr sicher. Der Tisch, eben noch ein fester Punkt, ist fast erreicht. Das Wasser steigt weiter.
Langsam. Unaufhaltsam. Nicht wie ein Strom, sondern wie ein Entschluss.
Kurz vor dem Morgen lässt das Wasser nach. Nur ein wenig. Gerade genug, dass Hoffnung entsteht.
Dann reißt wieder die Sirene.
Sofort ist alles anders. Kein Zögern mehr. Das Wasser hat sich verwandelt. Es steht nicht mehr – es bewegt sich. Es hat Richtung, Kraft, Hunger. Ein Strom schiebt sich durch den Garten, reißt Dinge mit sich, die nicht hierher gehören und doch jetzt dazugehören: Stroh, Äste, Plastik, Kleidung. Fragmente von anderen Orten, anderen Leben. Sie treiben vorbei, stoßen an, bleiben hängen, lösen sich wieder.
Das Haus wird umspült.
Der Garten ist ein Flussbett, und mein Haus steht darin wie ein vergessenes Schiff. Festgemacht, aber nicht sicher.
Die Sirene hält an. Dieser Ton, dieses unerbittliche Geradeaus, lässt keinen Raum mehr für Zweifel. Er sagt nicht, was zu tun ist. Er sagt nur: Jetzt.
Noch zwei Stufen.
Ich zähle sie immer wieder, als könnten sie sich verändern.
Dann nur noch eine.
Der Strom ist weg. Das Haus ist still, zu still. Keine Geräte, kein Summen, keine kleinen Geräusche, die sonst beweisen, dass die Welt funktioniert. Auch das Telefon ist tot. Die Verbindung nach draußen gekappt, als wäre sie nie da gewesen.
Nur die Straßenlaternen brennen.
Ein falsches Licht. Ein vergessenes Licht. Sie stehen da wie Wächter, die ihren Auftrag nicht mehr verstehen. Es ist Tag, und doch leuchtet alles in diesem gelben, unbeteiligten Schein, als hätte jemand die Welt verlassen, ohne sie abzuschalten.
Ich bin allein.
Nicht metaphorisch, nicht dramatisch – konkret. Eine Insel, die sich nicht selbst gewählt hat. Das Wasser hat entschieden. Es hat mich ausgeschnitten, mich abgetrennt. Niemand kommt hierher. Ich gehe nirgendwohin.
Die letzte Stufe.
Ich starre sie an, als wäre sie die Grenze zwischen zwei Versionen der Realität. Solange sie über Wasser bleibt, gilt noch das Alte. Danach nicht mehr.
Das Wasser berührt sie fast.
Die Sirene schreit weiter.
Mein Körper reagiert schneller als meine Gedanken. Die Panik kommt nicht plötzlich – sie wächst, drückt, füllt mich aus wie das Wasser den Garten. Was tun, wenn es weiter steigt? Wohin, wenn es keinen Ort mehr gibt? Ich suche nach Antworten, aber es gibt nur diesen Ton, dieses Steigen, dieses Warten auf den Moment, in dem etwas kippt.
Das Wasser steigt noch.
Dann – kaum merklich – hält es inne.
Kein dramatischer Umschwung. Kein klares Signal. Nur ein Zögern. Ein winziger Stillstand im Vorwärts. Ich warte.
Und dann beginnt es zu sinken.
Langsam. Zögerlich. Als würde es sich selbst nicht sicher sein. Die Strömung verliert an Kraft, die Oberfläche wird wieder ruhiger, Dinge bleiben liegen, wo sie gerade sind. Der Druck lässt nach, zuerst draußen, dann in mir.
Die Sirene verstummt irgendwann. Ich bemerke nicht einmal genau wann.
Zurück bleibt Stille.
Und Schlamm.
Eine graubraune, schwere Fläche, die alles bedeckt, was eben noch gewachsen ist. Keine klaren Linien mehr, keine Ordnung. Nur Spuren dessen, was war – und die Ahnung dessen, was es gebraucht hat, um zu bleiben.
Mud, Everywhere
Die Installation Mud, Everywhere setzt sich mit der subjektiven Erfahrung von Hochwasser auseinander und verortet diese zugleich im erweiterten Kontext klimatischer und ökologischer Transformationsprozesse. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Überschwemmungen nicht nur als temporäre Naturereignisse zu verstehen sind, sondern als komplexe, materiell dichte Zustände, in denen sich natürliche Dynamiken und anthropogene Eingriffe untrennbar verschränken.
Im Zentrum der Arbeit steht Schlamm als Metapher und materielles Paradigma. Schlamm erscheint hier nicht als bloßes Residuum, sondern als verdichtete Spur eines Ereignisses: eine heterogene Assemblage aus Wasser und Erde, durchsetzt mit kultivierten Böden, chemischen Rückständen, Ölen, organischen Resten sowie Fragmenten menschlicher Infrastruktur. In ihm akkumulieren sich Tierkadaver ebenso wie Trümmer von Gebäuden und Vegetation; hinzu treten Artefakte der Konsum- und Technosphäre – Fahrzeuge, Kunststoffe, elektronische Komponenten, Textilien – sowie schwer fassbare, aber wirkmächtige Spuren synthetischer Verbindungen, pharmazeutischer Substanzen, Pestizide und Düngemittel.
Als Übergangszone zwischen dem noch bewegten, trüben Wasser und der bereits wieder sedimentierenden Landschaft markiert Schlamm einen Zustand der Suspension. In dieser Zone materialisiert sich das Anthropozän in exemplarischer Weise: als ein Gefüge, in dem die Unterscheidung zwischen „natürlich“ und „künstlich“ obsolet wird. Die viskose, instabile Beschaffenheit des Schlamms verweist dabei nicht nur auf geophysikalische Prozesse, sondern auch auf eine epistemische und affektive Verunsicherung. Die Welt erscheint nicht länger in klaren Kategorien, sondern als ein Kontinuum aus Überlagerungen, Kontaminationen und wechselseitigen Durchdringungen.
Schlamm fungiert in diesem Sinne als Medium der Entgrenzung. Er unterläuft binäre Ordnungen – etwa jene zwischen Wasser und Erde, Natur und Kultur, Vergangenheit und Gegenwart – und eröffnet stattdessen einen relationalen Denkraum. Innerhalb dieses Rahmens lassen sich individuelle Erfahrungen von Verlust, Bedrohung und Anpassung mit übergeordneten politischen und ökologischen Fragestellungen verschränken. Ebenso werden Körper und Landschaft, subjektive Wahrnehmung und wissenschaftliches Wissen nicht als getrennte Sphären, sondern als miteinander verflochtene Dimensionen begreifbar.
Indem Mud, Everywhere Schlamm als zentrales Material und Denkfigur etabliert, verschiebt die Arbeit den Fokus von der Katastrophe als singulärem Ereignis hin zu ihren anhaltenden materiellen und symbolischen Nachwirkungen. Schlamm wird so zum Träger von Erinnerung, zur Oberfläche von Einschreibungen und zum Indikator struktureller Verhältnisse im Zeitalter des Klimawandels.
Schlamm ist in diesem Kontext nicht lediglich ein Nebenprodukt, sondern ein grundlegender Aggregatzustand gegenwärtiger Existenz: ein instabiles, durchmischtes, schwer zu kategorisierendes Medium, das die Bedingungen unseres Lebens ebenso sichtbar macht wie unsere Verstrickung in sie. Schlamm, überall.