Research Notes #3: Wildniskonstruktion
Lois Weinberger, Wildniskonstruktion, 2006
Was ist Wildnis? In meinem Zimmer hängt eine kleine Zeichnung von Lois Weinberger mit dem Titel Wildniskonstruktion. Sein Begriff von Wildnis unterscheidet sich grundlegend von der romantischen Vorstellung einer unberührten, ursprünglichen Natur. Für Weinberger gibt es keine reine, intakte Natur. Wildnis ist kein Ort außerhalb der Kultur, sondern eine Kraft, die innerhalb kultureller und gesellschaftlicher Ordnungen wirkt und diese immer wieder unterläuft.
Sie entsteht dort, wo Kontrolle nachlässt und Ordnung Risse bekommt: auf Brachen, an Bahndämmen, in Asphaltfugen oder an den Rändern gesellschaftlicher Systeme. Wildnis zeigt sich nicht in der fernen Urlandschaft, sondern mitten in der vom Menschen geprägten Welt. Sie ist ein Zustand des Werdens, ein Raum des Unbestimmten, ein Modell für Migration, Vermischung und Koexistenz.
Wildnis erscheint dabei als Geflecht aus Menschen, Pflanzen, Tieren, Dingen, Geschichten und Wanderungen. Dort, wo die scheinbar festen Grenzen zwischen Natur und Kultur, Eigenem und Fremdem, Ordnung und Chaos instabil werden, verliert auch die Logik eindeutiger Wertungen ihre Gültigkeit. In diesem Sinne steht Weinbergers Denken Donna Haraways Idee des „staying with the trouble“ nahe: Nicht die Wiederherstellung eines verlorenen Naturzustands steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie wir innerhalb komplexer, widersprüchlicher und verflochtener Beziehungen leben können.
Während William Robinson noch von einer harmonischen Annäherung an die Natur ausgeht, akzeptieren Haraway und Weinberger die Unordnung, die Konflikte und die Vermischungen einer gemeinsamen Welt. Die Frage lautet nicht mehr: Wie bewahren wir die Natur? Sondern: Wie leben wir mit den Wesen zusammen, die bereits hier sind?
Robinson blickt auf die Pflanze und fragt nach ihrem Potenzial, sich frei zu entfalten. Weinberger blickt auf dieselbe Pflanze und fragt, wer entschieden hat, dass sie hier nicht hingehört. Zwischen beiden liegt mehr als ein Jahrhundert, doch beide vertrauen auf die Eigenständigkeit pflanzlichen Lebens. Robinson öffnet die Gartentür. Weinberger verlässt den Garten und folgt den Pflanzen an die Ränder der Ordnung.