Studio Notes #3: Musterwalzen der Firma Reuss
Ein außergewöhnlicher Neuzugang für das Atelier: ein Konvolut wunderschöner Musterwalzen der Firma Reuss – in erstaunlich gutem Zustand, mit den originalen Musterblättern.
Mit diesem Neuzugang ist nicht nur ein Satz außergewöhnlich gut erhaltener Musterwalzen ins Atelier gekommen, sondern auch ein kleines Stück Industrie- und Gestaltungsgeschichte.
Die Firma Karl Reuss gehörte im 20. Jahrhundert zu den bedeutenden deutschen Herstellern von Musterwalzen. Ihre Werkzeuge ermöglichten es, Wände mit erstaunlicher Präzision zu ornamentieren und waren fester Bestandteil der dekorativen Wandgestaltung, lange bevor Tapeten den Markt dominierten. Besonders in den 1950er- und 1960er-Jahren entstanden umfangreiche Musterkollektionen – von floralen Ornamenten bis hin zu den geometrischen Formen der Nachkriegsmoderne. Charakteristisch waren die schwarz gefärbten Musterwalzen und die sorgfältig gestalteten Musterblätter, auf denen die Walzen in unterschiedlichen Farbvarianten und Kombinationen vorgestellt wurden.
Die neu eingetroffenen Walzen haben die Jahrzehnte nahezu unversehrt überstanden. Besonders bemerkenswert ist, dass die originalen Musterblätter noch erhalten sind. Sie zeigen nicht nur die Motive selbst, sondern erzählen von Farbvorstellungen und Musterkombinationen.
Mich interessieren diese Walzen jedoch nicht als nostalgische Objekte. Sie sind Werkzeuge mit einer eigenen Geschichte – und mit einem gestalterischen Potenzial, das sich heute neu lesen lässt. Zwischen Handwerk, Druckgrafik und zeitgenössischer Kunst eröffnen sie Möglichkeiten, historische Verfahren in aktuelle Bildsprachen zu übersetzen.
Wie entsteht eine Musterwalze?
Eine historische Musterwalze ist weit mehr als ein Werkzeug. Sie ist das Ergebnis eines erstaunlich komplexen Herstellungsprozesses, in dem Gestaltung, Materialkunde und Präzisionshandwerk zusammenkommen.
Am Anfang stand der Entwurf. Musterzeichner*innen entwickelten Ornamente, florale Motive oder geometrische Rapporte, die sich beim Abrollen lückenlos wiederholen konnten. Jeder Übergang musste exakt berechnet werden – ein auch nur kleiner Fehler hätte das Muster sichtbar unterbrochen.
Aus der Zeichnung entstand anschließend ein Positivmodell. Je nach Hersteller wurde das Relief von Hand geschnitzt, graviert oder später mithilfe mechanischer Fräs- und Kopierverfahren gefertigt. Dieses Modell diente als Vorlage für die Herstellung der eigentlichen Walzenform.
Der Walzenkörper bestand meist aus einem stabilen Holzkern, der mit einer Schicht aus Weichgummi oder später PVC überzogen wurde. In dieses Material wurde das Ornament als erhabenes Relief übertragen. Anschließend musste die Oberfläche geschliffen, nachbearbeitet und sorgfältig kontrolliert werden. Nur vollkommen gleichmäßige Walzen erzeugten einen sauberen Rapport. Mit der Entwicklung der Vulkanisation und neuer Kunststoffe wurde die Herstellung elastischer und langlebiger Druckwalzen überhaupt erst möglich.
Doch eine Musterwalze allein genügte nicht. Sie war Teil eines ausgeklügelten Systems. Über eine zweite, feinporige Farbwalze – die sogenannte Speisewalze – wurde kontinuierlich Farbe auf das Relief übertragen. Beim Abrollen druckte ausschließlich das erhabene Muster auf die Wand, ähnlich einem endlosen Stempel. Für mehrfarbige Dekorationen existierten spezielle Rollgeräte mit mehreren Farbwalzen, die ein präzises Zusammenspiel verschiedener Farben ermöglichten.
Ebenso sorgfältig wie die Werkzeuge wurden die Musterblätter produziert. Sie waren Verkaufsunterlagen und dokumentierten jede Walze, zeigten unterschiedliche Farbkombinationen und gaben Malerbetrieben konkrete Anleitungen für die Gestaltung kompletter Räume. So entstanden umfangreiche Kataloge, die heute nicht nur handwerkliche Nachschlagewerke, sondern auch bedeutende Dokumente der Designgeschichte sind.
Wenn ich eine historische Musterwalze in die Hand nehme, sehe ich deshalb nicht nur ein Werkzeug. Ich sehe die Arbeit vieler Menschen: der Entwerfenden, der Modellbauer, der Werkzeugmacher, der Gummiverarbeiter und der Malerinnen und Maler, die diese Muster schließlich auf Wände übertrugen. Jede Walze trägt dieses Wissen in sich. Mit jedem neuen Abdruck beginnt ihre Geschichte erneut.