Schloss Lind: VERWILDERN

ERÖFFNUNG: SAMSTAG, 10. MAI 2025, ab 14 Uhr

DAUER: bis September 2025

ORT: SCHLOSS LIND. das ANDERE heimatmuseum. St. Marein 28, 8820 Neumarkt

Versuchung zu (ver)wildern

Alles unter Kontrolle. Dieser Anspruch prägt das anthropozäne Denken und seine Vorstellung von einer Welt, die sich ordnen, vermessen und beherrschen lässt. Gerade Linien, Raster und Grenzen stehen einer vermeintlichen Wildnis gegenüber – jenem Raum, der sich der Kontrolle entzieht, in dem Wasserläufe mäandern, Pflanzen ausbrechen und Wege verschwinden.

Die Arbeit „Versuchung zu (ver)wildern“ setzt an dieser Grenzziehung an und hinterfragt die tief verankerten Dualismen unserer Kultur: Ordnung und Unordnung, Natur und Zivilisation, kultiviert und wild. In Anlehnung an die Überlegungen von Hans-Peter Dürr wird deutlich, dass diese Gegensätze nicht unabhängig voneinander existieren. Wildnis ist nicht das Außen der Zivilisation, sondern ihre untrennbare Gegenseite – so unauflöslich verbunden wie die beiden Seiten einer Schallplatte.

Der Begriff Verwildern birgt dabei eine besondere Spannung. Er beschreibt einen Übergang, eine Bewegung über eine gedachte Grenze hinweg. Etwas Kultiviertes entzieht sich der Kontrolle, wächst eigensinnig weiter und entwickelt neue Beziehungen. Die Vorsilbe „ver-“ markiert diesen Prozess sprachlich oft als Verlust oder Fehlentwicklung. Doch was wäre, wenn Verwildern nicht Scheitern, sondern eine Form der Befreiung wäre? Wenn das Ungeordnete nicht Defizit, sondern Voraussetzung für Vielfalt, Veränderung und neues Denken wäre?

Historisch wurde Verwilderung häufig mit Kindern und Bäumen in Verbindung gebracht – nicht zufällig entstehen im 19. Jahrhundert Institutionen wie Kindergärten und Baumschulen, die Wachstum lenken und normieren sollen. Die Arbeit greift diese kulturellen Vorstellungen auf und verschiebt ihre Bedeutung: Sie versteht Verwildern als produktiven Zustand zwischen den Kategorien, als bewusste Verweigerung eindeutiger Zuordnungen.

„Versuchung zu (ver)wildern“ lädt dazu ein, die Schönheit des Dazwischen zu erkunden – dort, wo Ordnung in Unordnung übergeht, wo Kontrolle nachlässt und Beziehungen sichtbar werden, die sich einer einfachen Logik entziehen. Nicht die Entscheidung für die eine oder andere Seite steht im Mittelpunkt, sondern die Anerkennung ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und der Reichtum, der aus ihrer Vermischung entsteht. In diesem Sinne wird Verwildern zu einer ästhetischen und politischen Praxis: als Einladung, Grenzen zu überschreiten und den Raum zwischen Wildnis und Kultur neu zu denken.

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